Berliner Morgenpost

DIE KINDER VOM KLEISTPAK
Sie wollten nur singen - und sind jetzt ein Hit
Freitag, 17. April 2009  - Von Sören Kittel


Elena Marx traut ihren Augen kaum. Das Konzert beginnt erst in einer Stunde, und sie wollte nur etwas früher zum Veranstaltungsort kommen, um noch einige letzte Dinge vorzubereiten. Im Kulturzentrum "Weiße Rose" am Schöneberger Wartburgplatz finden sonst Bandwettbewerbe statt oder Treffen von Selbsthilfegruppen.

An diesem Januarnachmittag sollten 25 Kinder aus der Kita am Kleistpark auftreten, mit denen die Musikpädagogin Elena Marx Lieder eingeübt hat. Es sind Klassiker wie "Ringel Rangel Rosen" und "Der Käfersmann", aber auch das afrikanische Guten-Morgen-Lied "Salibonani". Doch vor der Halle, die 250 Menschen Platz bietet, halten mehrere Menschen handgemalte Schilder hoch, auf denen steht: "Suche Karte".

Das Konzert wurde am Ende ein großer Erfolg. Großeltern, Eltern, Kinder - das Publikum war sehr gemischt, doch entgegen dem Klischee saßen dort nicht nur Verwandte. Es kamen auch Fans von außerhalb. "Wir mussten rund 80 Leute wieder nach Hause schicken." Für die Enttäuschten wurde kurz darauf ein zweites Konzert angesetzt. Am 19. April, wieder in der "Weißen Rose", wieder 250 Plätze. Innerhalb von einer Woche waren alle Karten ausverkauft. Ein drittes Konzert soll jetzt am 19. Juli stattfinden. Mit einem solchen Erfolg hatte keiner gerechnet. "Wir Kinder vom Kleistpark" ist die größte Musik-Überraschung Berlins. Eine Überraschung ist es zumindest für diejenigen, die Leander noch nicht erlebt haben.

"Ich heiße Leander und bin vier Jahre alt", sagt der kleine Junge mit noch unsicherer Stimme. Er steckt in etwas zu großen Cordhosen. Er greift seinen Hosenbund, zieht ihn ungeschickt nach oben, wuschelt sich nervös durch die Haare. "Meine Gedanken für dich" sagt er mit den Händen auf seinem Kopf. Dann zeigt er auf seinen Mund: "Meine Worte für dich." Dann legt er beide Hände übereinander auf seine rechte Brust: "Mein Herz für dich!" Dass es eigentlich in der linken Brust schlägt, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass er bei jedem "dich" seine Hände in Richtung Publikum streckt. Zum Abschluss verschränkt er seine Arme und ruft laut: "Frieden sei mit dir!"

Dreijährige singen auf Hebräisch
Diese Kombination von Bewegung und zugegeben fast kitschigem Text funktioniert - nicht nur, den Reaktionen des Publikum nach zu urteilen. Alle Erwachsenen drehen verzückt die Augen nach oben. In der Tat muss man die Kinder nicht aus dem Alltag kennen, um es toll zu finden, dass sie sich das trauen: Allein auf die Bühne zu gehen, Texte aufzusagen und laut zu singen. Dabei hilft das Zusammenspiel von Text und Bewegung vor allem den Kindern. "So können sie sich die Wörter besser merken", sagt Elena Marx. Auch fremde Sprachen wären so viel weniger ein Problem. Kommt dann noch Musik hinzu, könnten auch schon die Dreijährigen auf Hebräisch und Swahili mitsingen.

Begonnen hat das Projekt "Wir Kinder vom Kleistpark" mit der Idee, eine CD für die Eltern herzustellen. "Eines dieser Weihnachtsgeschenke aus dem Kindergarten", dachten vielleicht einige. Doch Musikpädagogin Elena Marx hatte den Ehrgeiz, eine handwerklich gute CD herzustellen, übte wochenlang mit den Kindern. Neben den Kita-Kindern nahm sie noch einige aus der Grundschule mit hinzu - die lange Zusammenarbeit mit der benachbarten Musikschule zahlte sich aus: Viele ehemalige Kita-Kinder kommen gern zum Chor - und zu den Aufnahmen.

Ein Freund von Elena Marx hatte ein Tonstudio, und auch die Band bestand aus professionellen Musikern. So kam es, dass statt Synthesizern richtige Instrumente auf dem Album klingen konnten. Fertig war die erste CD von "Wir Kinder vom Kleistpark". Mit ihr ging Tonstudiobesitzer Jens Tröndle dann von Musikladen zu Musikladen in Berlin und bot sie den Händlern an. Viele lehnten zunächst ab, gab es doch schon so viele andere Kinder-CDs, von Vadder Abraham bis Rolf Zuckowski.

Doch dann sprach sich herum, dass diese Kinder etwas Besonderes sind - oder anders: Die Musik hatte Charme. Neben Klassikern wie "Bruder Jakob" und "Kommt ein Vogel geflogen" singen die Kinder das jiddische "Regenlied", das tansanische Lied "Simama kaa" oder "Epo i tai tai" aus Neuseeland. Und zwischendurch eben Sätze wie: "Ich heiße Ali und bin fünf Jahre alt - Salem Aleikum." Die CD wurde ein Erfolg, die Bestellungen kommen inzwischen aus ganz Deutschland, und auch auf Internet-Musikplattformen wie iTunes oder Musikload kann sich jeder die Lieder jetzt für einige Euro herunterladen. Das Lied "Kekse-Reggae" schaffte es sogar in die Kindercharts des Radiosenders WDR5.

Eines der Geheimnisse ist sicher die Multikulturalität. "Die Kinder gehen einfach unverkrampft miteinander um", sagt Musikpädagogin Marx. Bisher habe noch nie ein Kind ein anderes gefragt: Woher kommst du? Auf der zweiten CD, die erst vor wenigen Monaten erschien, haben sie dieses Konzept des "gelebten Multi-Kulti" fortgeführt. Diese Idee hat schon deswegen nichts Aufgesetztes, weil sie sich in der Gruppe wieder findet. Die Kinder heißen Esosa, Quan-Tu und Atrin, kommen aus Nigeria, Vietnam und dem Iran. Drei Mädchen im Kleistpark-Chor heißen Mascha - und nur eine von ihnen kommt aus Russland. Doch so geordnet wie auf den Covern der beiden Alben stehen sie beim Konzert nicht nebeneinander. Während der Show laufen sie alle hintereinander "wie eine Eisenbahn, trommeln sich wie King Kong auf der Brust herum, schwimmen wie Fische in einem Fluss, hüpfen wie "Oberpoppelhoppelhasen" oder schwingen die Flügel wie ein Schwarm Vögel. Und immer wieder zwischendurch tun sie etwas, dass bei all dem Gerede von Multi-Kulti schon beinahe zu viel des Guten wirkt: Sie halten einander an den Händen und bilden einen großen Kreis.

Lehrstück über Toleranz
Da ist es, das Bild, das Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky und viele andere Integrationsexperten Berlins in der Wirklichkeit so gern häufiger sehen würden. "Ich habe hier gelernt, dass die Herkunft viel weniger wichtig ist, als das Milieu", sagt Elena Marx und es ist nicht das einzige politische Statement, das dieser energischen Frau einfällt. Wer mit ihr spricht, wünschte fast, sie könnte diese Energie dafür einsetzen, eine "Rasselbande" Erwachsener zu bündeln. Denn mit ihrer mitreißenden Art, dem sanften Befehlston könnte sie auch einen Wahlkampf führen - und sicher gewinnen.

"Ich wünschte, auch andere würden erkennen, wie wichtig diese Arbeit ist", sagt sie. "Hier wird Kindern auf eine ganz einfache Art Toleranz beigebracht." Denn auch sie sieht die demografische Entwicklung im Kiez, in Berlin und auch in Deutschland insgesamt. Hier in der Kita könne sie jeden Tag erleben, dass eine junge Generation mit Migrationshintergrund heranwachse. "Damit müssen wir uns alle irgendwann auseinandersetzen, nicht nur die Kitas", sagt sie. Anfänglich sei auch sie manchmal etwas unsicher gegenüber Müttern mit Kopftüchern gewesen, gibt sie zu. "Doch jetzt schaue ich auf meine 23 Nationen hier im Probenraum und freue mich über diese Bereicherung."

Gerade vorhin, kurz bevor all die Kinder in den Probenraum strömten, Thirza, Sarah, Max und all die anderen, hatte sie noch Besuch von einer Frau. "Ich wollte ihnen noch das hier geben", sagt eine türkische Mutter. Zurückhaltend steht sie vor Elena Marx und gibt ihr ein Stück Papier in die Hand. Noten sind darauf zu sehen. Und eine fremde Sprache. Das Lied ist kurz und heißt "Ak koyun" - weißes Schäfchen. Die Mutter hat es übersetzt. "Es handelt von einem Schaf, das durch die Berge kommt", erzählt sie. Dieses ,durch die Berge' sei nur im übertragenen Sinne gemeint. "Dieser türkische Ausdruck lässt sich nur sehr schwer übersetzen", sagt die Mutter. Elena Marx beginnt sofort zu singen. An der Stelle "ak koyun meler gelir", die Stelle mit dem "das Schäfchen kommt blökend", da rollt sie das "R". Die Türkin schaut anerkennend auf. Vielleicht ist es diese Situation, die diese Kita am Kleistpark zu einem besonderen Ort in Berlin macht. Nicht allein die ausverkauften Konzerte oder die Bestseller-CD oder die engagierten Pädagogen und die Kinder, die ihr Bestes geben.

Integration als Nebeneffekt
Es ist all das - und vor allem auch immer wieder die Eltern, die bei den Auftritten mithelfen, die bei den Proben dabei sind, die sich für die Projekte ihrer Kinder interessieren und ganz nebenbei dadurch auch noch mehr Teil der Berliner Gesellschaft werden, egal, woher sie kommen. Die Kita am Kleistpark arbeitet seit rund zweieinhalb Jahren mit der Leo Kerstenberg Musikschule zusammen. Nicht alle Kinder werden hier ein Instrument lernen, aber das sollen sie auch nicht. "Es geht vielmehr darum, dass sie hier schon einmal das Gefühl fürs Singen und für Musik bekommen."

Elena Marx ist schon wieder beim nächsten Lied, beim nächsten Instrument, beim nächsten Problem. Jeden Morgen fängt sie bei den ganz Kleinen an, den ein- bis zweijährigen Kindern. Viermal in der Woche sitzen sie früh um 9 Uhr im Kreis, laufen Seifenblasen hinterher, schlagen Klanghölzer aufeinander oder singen Guten-Morgen-Lieder. Naja, meist machen die Kleinen große Augen und hören zu, wie die Eltern singen. Doch sie nehmen immer etwas mit. Kürzlich erzählte eine Mutter, dass ihr zweijähriges Kind zu Hause mit den Bauklötzen gespielt und dabei etwas von "Ayelevi" gemurmelt habe. Aber jetzt weiß sie ja, woher das Kind solche Worte kenne. Das Lied handelt vom einem Kind aus Ghana mit dem Namen Ayelevi. Wörtlich: "Deine Seele soll tanzen, Ayelevi."

 


Berliner Zeitung  31.03.2009   Dritte Seite

www.berlinonline.de

Kekse-Reggae in den Charts
Die Kinder der Schöneberger Kita am Kleistpark beschäftigen sich jeden Tag mit Musik. Ihre CDs mit Multikulti-Kindermusik sind mittlerweile ein Verkaufsschlager.

 - Von Ina Brzoska

BERLIN. Esosa stülpt die Kopfhörer über ihre Rastazöpfe und zieht das Mikrofon herunter. Ihre bunten Strumpfhosenbeine zappeln, die Hände kneten nervös das Mikrofon-Kabel. "Du bist dran", hört Esosa über Kopfhörer. Sie guckt auf die Schalldämmung im Aufnahmeraum und legt los. Zwei Strophen hintereinander, ihre raue Stimme singt flüssig in der Inuit-Sprache.



Das Inuitlied, das die sechsjährige Esosa an diesem Vormittag aufnimmt, ist gedacht für die neue CD der Kita am Kleistpark. Es ist inzwischen das dritte Album der Kindertagesstätte in Berlin-Schöneberg, das Produzent Jens Tröndle mit den Kindern aufnimmt. Esosa begleitet er am Keyboard. Andere Kinder werden rappen, türkische, spanische und japanische Verse singen, untermalt von Folk, Pop und Klassik. Im September erscheint dann die neue CD. Und die wird wahrscheinlich wie ihre Vorgängerinnen wieder den Weg in Kinderzimmer überall in Deutschland finden.



Zwei Jahre ist es her, da hatte Elena Marx eine Idee. Die Musikpädagogin der Kita fragte ihren Freund Jens Tröndle, ob er die Kinder nicht einmal aufzeichnen könne. Es sollte ein Weihnachtsgeschenk für die Eltern werden. Tröndle machte mit. Die Kinder sangen Lieder, die sie in der Kita gelernt hatten, erzählten, woher aus aller Welt ihre Eltern kommen. Es klang ein wenig wie eine Multikulti-Variante von Rolf Zuckowski. 500 CDs ließ Tröndle pressen: "Wir Kinder vom Kleistpark". Nie hätte er gedacht, dass er die alle loswird.



Doch dann stürmten Eltern in Schöneberg die Buchläden auf der Suche nach der Musik der Kinder vom Kleistpark. Tröndle nahm die zweite CD auf. Die wird inzwischen bei Dussmann und Amazon angeboten, mehr als 5 000 Mal sind die beiden CDs schon verkauft worden. Der "Kekse-Reggae" rutschte kürzlich in die WDR-5-Kindercharts. Eltern aus Nordrhein-Westfalen oder Bayern rufen in der Kita an und fragen nach dem Album. Kürzlich erkundigte sich eine Professorin von der US-Universität Harvard nach dem Projekt. Und für dieses Jahr wollten zweihundert Eltern ihre Kinder in der Kita anmelden.



Smetana und Physik



Von außen wirkt die Tagesstätte wie ein unscheinbarer Klotz mit roten Türklinken, drinnen liegt Linoleumfußboden. Ute Kahrs pendelt an diesem Tag zwischen Computer, Telefon und Spielsälen. Kahrs leitet die Geschäfte hier, hat ständig Ideen für neue Projekte. Kürzlich drehte sich alles um die Moldau. Morgens spielten die Kinder zu klassischer Musik von Friedrich Smetana, am Nachmittag experimentierten sie auf Wasserstraßen, die sich durch Waschräume zogen, ein Vater führte physikalische Experimente durch.


Dass sich die Kinder in der Kita am Kleistpark so viel mit Musik beschäftigen, hat nicht etwa mit bürgerlichen Bildungsidealen zu tun. Sondern auch mit Sprachproblemen vieler Eltern und Kinder hier, die häufig einen Migrationshintergrund haben. Noch vor drei Jahren bangte die Leiterin um die Zukunft der Kita. "Wir hatten das Problem, dass nur türkische Familien ihre Kinder anmeldeten", sagt Ute Kahrs offen. Deutsche Eltern und Kinder blieben fern. "Mir war klar, dass Integration nur funktioniert, wenn wir hier deutsche und ausländische Kinder in Gruppen haben", sagt sie.


Es gab dann dieses Schlüsselerlebnis vor drei Jahren. Damals besuchte eine resolute Opernsängerin die Kita. Die Frau aus Moskau sah sich skeptisch um in den Räumen und sagte dann: "Kein Klavier? So etwas gibt es in Russland nicht." Das wollte Kahrs nicht auf sich sitzen lassen. Sie besorgte ein Klavier, und wenig später saß die Opernsängerin davor und gab ein Klassikkonzert in der Kita. An diesem Abend beobachtete Kahrs die Kinder, wie sie mit offenen Mündern der Musik lauschten. Das hatte sie noch nicht erlebt: Kleinkinder, still und konzentriert. Kahrs fragte in der benachbarten Leo-Kestenberg-Musikschule nach einer Pädagogin für musikalische Früherziehung. So kam Elena Marx zur Kita am Kleistpark.



Konzentrierte Kleinkinder



Inzwischen ist Marx fast täglich da, der Musikunterricht ist über Zuschüsse für alle bezahlbar. Wenn Kahrs heute durch die Kita läuft, trommelt und klingelt es in allen Spielzimmern. Die Kinder rasseln, hauen auf Bongos. Vor Kahrs' Büro sitzt ein Mozart aus Pappmaché am Klavier. Als es in der Leo-Kestenberg-Musikschule Umbauarbeiten am Haus gab, hat die Kita-Leiterin die Bauarbeiter angewiesen, das Tor einzureißen und einen Zugang zu pflastern. Seitdem ist die Kooperation mit der Musikschule noch enger geworden.



An diesem Vormittag krabbeln Zwei- und Dreijährige auf dem Teppich. Lina, Anjali, Sidan oder Adrian heißen die Kinder, die Eltern stammen aus Berlin, Bangladesh, der Türkei oder aus der Mongolei. Es gibt Unterschiede in der sprachlichen Entwicklung, aber Elena Marx singt viel lieber mit den Kindern als dass sie redet. Sie verteilt Klanghölzer, dann drückt sie den Knopf des Kassettendecks. Als die Musik ertönt, blicken die Kleinkinder auf ihre Hände. Marx klopft, dazu singt sie. Die Kinder gucken und klopfen mit. Einträchtig, konzentriert.



Für einige der Kinder geht es am Nachmittag wieder ins Tonstudio. Das liegt in einem Schöneberger Hinterhof, nur ein paar Häuser von der Kita entfernt. Lina wurde im Kinderwagen hergeschoben, sie zählt mit zwei Jahren zu den Jüngsten. Nervös kaut sie an einem Keks, sie soll an diesem Tag das erste Mal in ein Mikrofon singen. Tröndle sitzt am Mischpult, hat das Mikrofon runtergeschraubt. Lina rutscht vom Sofa, läuft in den Aufnahmeraum, krabbelt den Stuhl hoch. Ihre weißen Flusen am Hinterkopf haben sich aufgerichtet. Die Mutter setzt ihr den Kopfhörer auf. "Mach die Tür zu und geh raus", sagt Lina plötzlich. Dann blickt sie auf das Mikrofon. Sie will singen.





 

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